Das Schöne an meinem Job ist, dass man alle seine Kunden wirklich schätzt. Dennoch spricht mich die Arbeit mit eine „Gruppe“ besonders an: „unangepasste Talente“, die entweder gerade neu in einer gehobenen Führungsposition sind, oder in der engeren Wahl für eine solche Position stehen, es aber noch interne Bedenken zu ihrer Nominierung auszuräumen gibt.

In deren Situation und persönlichen Konflikt kann ich mich besonders gut einspüren. Vielleicht weil auch ich immer eher weniger angepasst war und auch so empfunden wurde. Anpassung wurde in meiner Kindheit nicht von mir gefordert, und ich selbst brauchte das Gefühl, überall dazuzugehören, um mich sicher zu fühlen, auch nicht. Mir ist erst viel später aufgefallen, was für ein großes und seltenes Geschenk das war und ist – eine sehr gute Vorbedingung für meine heutige Arbeit; auch dort ist es wichtig, seinen teilweise sehr charismatischen und charmanten Kunden nicht „gefallen zu wollen“…

Im Coaching sieht das oft so aus: ich lerne – meist über einen einflussreichen Vermittler – eine Führungskraft kennen. Das sind meist Menschen, die nicht nur durch ihre Ergebnisse überzeugen, sondern auch vertrauensvolle, tragfähige Beziehungen aufbauen können. In der Regel sind sie sehr angesehen in ihrem eigenen Bereich, von Ausnahmen abgesehen. Es spricht also viel dafür, ihnen einen größeren Wirkungskreis und mehr Gestaltungsraum zu geben, in denen sie ihre Qualitäten zum Wohl der Firma einbringen können. Sobald diese Führungskraft offen mit mir spricht, erfahre ich, dass sie gerade überlegen, die Firma zu verlassen, weil sie nicht optimistisch sind, was ihren Gestaltungsspielraum innerhalb der Firma betrifft. Dies nehmen sie aber nicht positiv wahr, und sehen natürlich auch ihre jahrelange Investition in Prozesse und v.a. Beziehungen, die sie mit einem solchen Schritt aufgäben; und dann gibt es ja noch die Person des Förderers, der auch uns zusammen gebracht hat, und den sie auch nicht enttäuschen möchten… Meist können wir uns vor diesem Hintergrund auf eine Zusammenarbeit einigen, um nichts unversucht zu lassen, und so eine freie Entscheidung zu ermöglichen.

Fast alle Firmen haben auf der Lippenbekenntnis-Ebene Diversity, Diskussionskultur, Teamentscheidungen etc. – nur oft in ihren Entscheidungsgremien nicht, wo „die Neuen“, Unangepassten riskieren, mit voller Power in Türen zu rennen, von denen ältere Hasen bereits wissen, dass sie abgeschlossen sind. NUR: auch dort gibt es potenzielle Verbündete, denen diese Energie sympathisch ist, und die sie nicht selten auch an sich selbst erinnert.

Wenn ein Newcomer z.B. im Vorstand in unserer Zusammenarbeit lernt, wie er anders auftreten kann, damit er mit diesen Menschen tragfähige langfristige Koalitionen eingehen kann sind alle zufrieden: nicht nur der „Neue“, weil seine Ansichten ernster genommen werden und er Informationen erhält, die er vorher nicht berücksichtigen konnte; teilweise wird er aber auch Erfolg seiner Initiativen sehen. Und die alten Hasen, weil sie nicht durch konfrontatives Verhalten abgeschreckt werden, sondern sachlich diskutieren können, und dennoch die Energie des Vorpreschers nutzen. Was aber nicht funktioniert ist, wenn der „Neue“ nicht lernt, die Perspektiven der anderen ernst zu nehmen und mit ihnen zu arbeiten – denn dann wird seine Energie erlöschen, und er sich zwar mehr zurückhalten, und die Frische, die neue Perspektive, das neue Wissen, das er mitbringt, wird nicht in die Entscheidungsqualität der Firma einfließen. Wenn eine Anpassung aber gelingt, können sie die für sie wichtigen Veränderungen meist innerhalb der Firma erreichen. Win-Win.

Ich beobachte mit Sorge, wie die Verführung zu stark vereinfachenden Lösungen, manchmal vertreten von unkalkulierbaren „Retterpersönlichkeiten“ in unserer Gesell­schaft und auch Firmen zunimmt. Davor kann eine wirklich Führungskultur mit starken, aber umsichtig diskutierenden Vertretern ihrer Positionen schützen. Sich Themen in ihrer Komplexität zu stellen erfordert ein hohes Maß an persönlicher Energie und Stabi­lität. Diese im Bedarfsfall konsistent aufbringen zu können ist nicht selbstverständlich, sondern das Ergebnis umsichtiger Gestaltung. Dazu gehört auch ein effektives Unter­stützungsnetzwerk, von dem ich für viele meiner Kunden ein fester Bestandteil bin.

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